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Geschichte / Tradition bei Baltz in Bochum

Seit
1827
 
Mode in
Bochum

Chronik: 1827 - 1942




Chronik Modehaus Baltz Bochum

Chronik Modehaus Baltz Bochum
Richard Baltz
1932 - 2004
An demselben Platz, an dem vor 125 Jahren der Gründer Moritz Baltz in Bochum ans Werk ging, erhebt sich heute das Textil-Kaufhaus M. Baltz, das weit über die Grenzen Bochums hinaus bekannt ist, ein Wahrzeichen der arbeitsamen Stadt.

Es ist dieselbe Firma, die sich an eben dieser Stelle aus kleinsten Anfängen zu ihrer heutigen Bedeutung entwickelte und derselbe Name, der in derArbeit von drei Generationen den Ruf des Hauses gründete. In diesen 125 Jahren hat sich die Welt von Grund aus gewandelt. Aus der unbekannten Kleinstadt wurde die Großstadt Bochum im Herzen des Ruhrgebiets, wo Kohle und Eisen den Gang des Alltags bestimmen. Zwei Kriege von unerhörtem Ausmaß griffen tief in das ehrwürdige Gefüge erprobter Überlieferungen ein, veränderten die Auffassungen und Ansichten der Menschen und damit auch die Sitten und Gebräuche. Im zweiten Weltkrieg vernichtete der Luftkrieg die deutschen Großstädte, und diesen Angriffen fiel auch das Textil-Kaufhaus M. Baltz zum Opfer.

Chronik Modehaus Baltz Bochum
Chronik Modehaus Baltz Bochum
In diesen großen Wandlungen und Zeitenstürmen gelang es, das altangesehene Unternehmen zu erhalten und auszubauen und schließlich aus den Trümmern ein neues Haus erstehen zu lassen, in dem sich nun alles vereinigt, was in der langen Geschichte der Firma an Erfahrungsgut gesammelt wurde. Diese Widerstandskraft und unbeirrbare Zähigkeit, diesen Behauptungswillen verdankt das Haus der Tatsache, daß dieses Unternehmen niemals den Geist verleugnet hat, der vom Tage der Gründung an in ihm wirksam war, den Geist echter kaufmännischer Gesinnung, der sich in strengster Rechtlichkeit begründet. Auf ihm beruht der Ruf des Hauses, ohne ihn wären seine Erfolge nicht denkbar. Darum hat die Geschichte des Hauses, die hier erzählt wird, ihre weittragende Bedeutung. Sie ist der lebensvolle Beweis dafür, daß Anstand und Gerechtigkeit sich auch in unruhevollen Zeiten durchzusetzen vermögen und daß noch immer der Väter Segen den Kindern das Haus baut.

Anno 1827 – Ein Blaufärber beginnt

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M. Baltz in der Stadt
der Kohle und des Eisens
Kaum faßlich zu machen ist der Wandel in diesen 171 Jahren, eine winzige Spanne Zeit im großen Gang der Menscheitsgeschichte, hier aber umfaßt diese winzige Spanne Wandlungen, wie sie Jahrtausende vorher nicht kannten. Bochum ist also zu dieser Zeit ein bescheidenes Landstädtchen, In dem in den Morgenstunden der Kuhhirt mit seinem Horn die Kühe ruft. Niemand denkt an "Fabriken" oder an Bergbau im Großen. Gemächlich fließt das Leben. Es gibt keine Eisenbahnen. Noch sind die Postkutsche und die Planwagen die einzigen "Verkehrsmittel", noch ist eine Reise selbst zur nächsten Stadt ein Unterfangen, das man nur aus zwingenden Gründen auf sich nimmt. Landwirtschaft und das ehrbare Handwerk bestimmen das Dasein, in dem ein Tag hingeht wie der andere, indem alles seinen festen Platz hat und seine bestimmte Regel im Wechsel der Jahreszeiten.

Moritz Baltz versteht sein Handwerk des Blaufärbens, das eng verbunden ist mit dieser ländlichen Welt, aus dem Grunde. Ohne sie wäre sein Handwerk nicht denkbar. Denn aus ihr kommen die Hausmacherleinen, hergestellt auf den Handstühlen in den bäuerlichen Wirtschaften rings um Bochum. Die Bäuerinnen wünschen, daß ihre Leinen mit hübschen blauen Mustern bedruckt werden, und eben dieses versteht Moritz Baltz aufs beste. Er benötigt dazu keinen großen Apparat, ein Drucktisch genügt, dazu 50 verschiedene Formen, ein paar Küpen, ein Kalander und zwei Ofen - das sind die Gerätschaften, die noch für eine lange Reihe von Jahren ausreichen werden. Dazu dann als Farbe der Indigo, der König unter den Farbstoffen, der einen märchenhaft weiten Weg über die Weltmeere zurückgelegt hat. Die Formen bestehen aus einem sehr harten Holz, in das die Ziermuster eingegraben sind, und es ist eine große Kunst, die Muster gleichmäßig auf die Stoffe aufzutragen.

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Das Haus Nr. 178 in der
Oberen Markstraße, das
Stammhaus der Firma Baltz
Moritz Baltz aber ist ein anschlägiger Kopf. Ihm genügt nicht die Lohnarbeit für die Bauern, bald geht er dazu über, Stoffe aufzukaufen, zu behandeln und zu bedrucken, um seine Waren dann im eigenen kleinen Laden anzubieten. In diesem Laden, fünf mal fünf Meter groß, verkauft er außerdem Spezereien, also Gewürze, auch Kaffee und Kandis und was sonst Nutzen zu bringen verspricht. Denn es gilt, bald eine Familie zu ernähren, was Mühe und Sorge genug bereitet. Bares Geld ist knapp.

An Steuern sind im Jahr 4 Reichstaler zu entrichten, und die Steuerbehörde ordnet die Größe des Geschäftes mit "ziemlich" ein. Es wird noch lange bei dieser Steuer bleiben, nämlich 20 Jahre hindurch. Denn einfach ist es nicht, sich hochzuarbeiten. Immerhin wird schon im Jahre 1843 deutlich, daß Moritz Baltz sich gerührt hat. Der Ankündigung im Wochenblatt, datiert vom 20. April dieses Jahres, fehlt es nicht an Selbstbewußtsein:

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Die erste Konfektion

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Lichthof im
Richard-Baltz-Haus
In diesen 20 Jahren ist die Zeit aber auch sonst nicht stillgestanden. Es beginnt in ihnen der Siegeszug der Dampfmaschinen und der Eisenbahnen.

Aus den Handwerksbetrieben entwickeln sich vielerorts Fabriken, die mehr Waren erzeugen, als der eben vorliegende Bedarf benötigt. Die Zeiten der bäuerlichen Selbstversorgung, ergänzt durch die Produktion des Handwerks, das nur selten über den engeren Raum hinausgegriffen hat, gehen ihrem Ende entgegen.

Mit den ständig steigenden Reallöhnen ändern sich auch die Kaufgewohnheiten. Es ist nicht mehr nötig, den Handwerkern Garne und Stoffe ins Haus zu bringen. Man kann jetzt, was man braucht, überall kaufen. Moritz Baltz ist nicht der Letzte, der diese Entwicklung begreift.

Er geht dazu über, seine Leinenwaren von Schneiderinnen und Kleidermachern zu blauen Arbeitskitteln und Hosen verarbeiten zu lassen, womit nun hier und andernorts die "Konfektion" geboren ist. Er legt dabei auf solide, dauerhafte Qualitäten den größten Wert. Denn schon gibt es auch in Bochum Geschäftsleute, die in großen Inseraten ihre nur scheinbar billigen Waren anpreisen.

Moritz Baltz geht solchen Weg nicht mit. Er will, daß seine Wäre durch ihre Qualität wirkt, und er glaubt, daß er sich nur auf diese Weise eine getreue Kundschaft erwerben kann. So wird schon von dem Gründer ein Geschäftsprinzip entwickelt, das bis zum heutigen Tage seine Gültigkeit behalten hat: Werbung nur durch die Qualität der Ware, Verzicht auf alle marktschreierische Reklame, die nur die Unkosten zum Schaden des Kunden hinauftreibt.

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Warenannahme und
Preisauszeichnung
Längst ist inzwischen Bochum aus seinem Schlaf erwacht. Im Jahr 1845 wird im Weichbild der Stadt die erste Gußstahlfabrik eröffnet. Der Bergbau beginnt sich zu regen und gewinnt bald größte Bedeutung für dieses Gebiet. Die Anfänge des "Bochumer Vereins für Bergbau und Gußstahlfabrikation" reichen noch in die Lebzeiten von Moritz Baltz zurück. Fabriken und Zechen aber ziehen Arbeiter in die Stadt, und diese Arbeiter werden von Baltz mit solider Kleidung versorgt.

Und so wächst das Geschäft ganz in der Stille. Die allgemeine industrielle Entwicklung kann an einem so klugen Kopf, wie Moritz Baltz ihn besitzt, nicht ohne Eindruck vorübergehen.

So sehr nimmt ihn der allgemeine Aufstieg gefangen, daß er sich an der Gründung einer Firma beteiligt, die 24 Koksöfen in Betrieb nimmt. Diese neue Firma "Fr. Sybertz & M. Baltz" vermag freilich nicht, ihn von seiner eigentlichen Linie abzudrängen. Nach wie vor gilt seine Liebe dem blühenden Verkaufsgeschäft. Im Jahr 1860 ist er in der Lage, das Haus, in dem er sein Geschäft betreibt, von den Erben seines Schwiegervaters käuflich zu erwerben, schon im nächsten Jahr ist es schuldenfrei in seinem Besitz. Dann setzt der unermüdlichen Wirksamkeit des erst 53jährigen ein schneller Tod im Juni des Jahres 1852 ein vorzeitiges Ende.

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Auf dem alten Bochumer Friedhof fand Moritz Baltz seine letzte Ruhestatt

Anno 1852 – Die zweite Generation

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Treppenaufgang
im Kaufhaus
Im Jahr 1852 ist der Erbe des Geschäftes, der Sohn Conrad Baltz, erst 20 Jahre alt. Seine stärkste Stütze wird in dieser Anfangszeit die vier Jahre ältere Schwester Dora, die vor allem über ein ausgesprochenes Verkaufstalent verfügt.

Bochum ist nun eine sehr rege Kleinstadt geworden, freilich immer noch eine Kleinstadt, für die die ländliche Kundschaft nach wie vor von größter Wichtigkeit ist. Zur Kundschaft besteht noch ein durchaus persönliches Verhältnis, ein jeder kennt den anderen und will ganz persönlich genommen werden. Und immer sind die blauen Arbeitsanzüge und die bunten Stoffe der Hauptartikel.

Im Lauf der Jahre tritt Conrad Baltz mehr und mehr in den Vordergrund. Er entwickelt sich zu einem grundsoliden Kaufmann, für den ausschlaggebend allein das Interesse der Kundschaft ist. Gegenüber diesem Interesse hat alles andere zurückzutreten, auch der eigene Nutzen. Er begnügt sich grundsätzlich mit kleinem Gewinn und will, daß es in jeder einzelnen Geschäftshandlung ehrbar zugehe. Wie sein Vater denkt er nur an Dauerkundschaft. Planvoll und zielbewußt betreibt er den Ausbau seines Geschäftes.

Conrad Baltz legt großen Wert auf die Kunst des Einkaufens. Schnell hat er erkannt, daß die Auswahl leistungsfähiger Lieferanten für ihn von besonderer Wichtigkeit ist, der mit zäher Konsequenz an dem Gedanken festhält, nur mit einem bescheidenen Nutzen zu arbeiten. Alles, was nicht zum eigentlichen Geschäft gehört, stößt er ab. Die Koksbrennerei wird an den Bochumer Verein verpachtet und später von diesem ganz übernommen. Ebenso wird eine Beteiligung an einer Papiermühle abgestoßen.

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Die gepflegten
Verkaufsräume
Sein ruhiger stetiger Blick läßt sich durch nichts beirren. Noch immer steht ihm zum Verkauf nur der kleine Laden von 25 qm zur Verfügung, aber in den engen Räumen des Hauses in der Oberen Marktstraße wird gründliche Arbeit geleistet, die keine Pause kennt, auch nicht an den Sonntagen, die gerade für die Landkundschaft so wichtig sind. In allem wird genau mit dem Pfennig gerechnet und sorgsam Pfennig auf Pfennig gelegt. Das sind die Geschäftsmethoden der "guten alten Zeit", noch fehlt der Zug ins Große, aber es ist ein sicherer Weg, der hier begangen wird.

Hier werden in der stillen Arbeit des Alltags die Grundlagen geschaffen für den, der einmal berufen sein wird, ins Große zu wirken und das Geschäft zu seiner heutigen Bedeutung zu erheben.

Baltz wächst mit Bochum

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Die große Auswahl
im 1. Stock
Bezeichnend ist für die vorsichtige Art von Conrad Baltz, daß er, der die weitere günstige Entwicklung seines Geschäftes von Jahr zu Jahr mit wachen Sinnen verfolgt, sich erst im Jahr 1874, zur Erweiterung seines Ladens entschließt.

Nach dem Umbau stehen nun 40 qm zur Verfügung. Dieses Jahr 1874 ist auch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Denn es bringt das Ende des großen wirtschaftlichen Auftrieb es nach dem für Deutschland siegreichen Krieg von 1870/71 und der Gründung des deutschen Reichs, durch die sich das Gesicht Europas grundlegend wandelte.

Die große Krise, die nun einsetzt, bedeutet für Conrad Baltz freilich nicht allzu viel. Er ist bei seinen niedrigen Preisen immer geblieben, schon hat sich der Ruf seines Hauses so gefestigt, daß ihm auch in der Krisenzeit seine Kundschaft treu bleibt. Die Rechnung eines ehrbaren Kaufmanns beginnt aufzugehen.

Bochum aber wächst und wächst. Längst ist es an die Eisenbahn angeschlossen. Die alten Verkehrsstraßen der Stadt sind Hauptgeschäftsstraßen geworden. Ein Fachwerkbau im Innern der Stadt nach dem anderen muß neuen Geschäftshäusern weichen. Laden um Laden entsteht. Mit ihnen wächst freilich auch die Konkurrenz, die nicht träge ist und ebenfalls zu rechnen versteht.

Zehn Jahre nach der Erweiterung des Ladens entschließt sich Conrad Baltz, das Stammhaus abzureißen und an seine Stelle einen Neubau zu setzen, um endlich den drückenden Raummangel zu bannen. Das kostet ihn bare 40.000 Goldmark. Aber dieses Geld ist da und wahrlich durch Fleiß und Umsicht gewonnen worden. Zwar ist der eigentliche Verkaufsraum auch jetzt nur 70 qm groß, immerhin kann man nun vier Verkäufer einstellen und einen Ladengehilfen beschäftigen, und für den Sonntag kommen noch zwei Verkäufer hinzu!

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In der Kabine
Die Berufskleidung wie Arbeiterjacken, Fuhrmanns- und Hausmacherkittel wird nun fertig bezogen. Andere Jacken und Hemden läßt man in Bochum arbeiten. Die deutsche Herren- und Knabenkonfektion wird jetzt immer leistungsfähiger, vor allem durch die Näh- und Knopflochmaschinen, die die Industrie liefert. Gleichzeitig wird freilich auch die Konkurrenz stärker und leider immer spürbarer. Das Hausierergewerbe blüht gerade in Textilwaren. Versandgeschäfte bieten ihre Musterkollektionen durch Reisende von Haus zu Haus an. Eine Eingabe von Conrad Baltz aus dieser Zeit an die Einkommensteuer-Kommission wirft ein bezeichnendes Licht auf die Zustände vor der Jahrhundertwende.

Da heißt es: "Die in meinem unscheinbaren Geschäftslokal von 70 qm Bodenfläche Obere Marktstraße 22 (Gesamtumschlag 1899 = 244.040 MK) vertriebenen Waren bestanden zu einem Sechstel in Manufaktur-, speziell Baumwollwaren, und zu fünf Sechsteln in Arbeitergarderobe. Infolge der starken, täglich wachsenden Konkurrenz, welche die von mir ausschließlich geführten Artikel als sogenannte Lockvögel benutzt und zu und unter dem Einkaufspreis losschlägt, bin ich schon seit Jahren gezwungen, mein Geschäft in der Weise zu betreiben, daß ich mit einem ganz geringen Nutzen verkaufe und den Verdienst in der Größe des Umsatzes suchen muß."

So schreibt der schlichte und ehrbare Kaufmann Conrad Baltz, und man darf sich darauf verlassen, daß es genau so gewesen ist. Fast ein halbes Jahrhundert hindurch hat nun Conrad Baltz in der Oberen Marktstraße auf seine stille, zielbewußte und so erfolgreiche Weise gewirkt. Er hat eine eigene Familie gegründet, es sind genug Söhne da, die fortsetzen können, was er begonnen hat. Nun hält er den Zeitpunkt für gekommen, den jungen Kräften sein Arbeitsfeld zu überlassen. So tritt er mit dem Ende des Jahrhunderts von der Leitung der Geschäfte zurück, um bis zu seinem Tode im Jahr 1912 nur noch als getreuer Ratgeber in Erscheinung zu treten - fern den Geschäften, die sein Leben 50 Jahre hindurch erfüllten.

Anno 1900 – Auf den Spuren der Väter

Als mit dem 1. Januar des neuen Jahrhunderts Conrad Baltz von seinen Geschäften zurücktritt, haben sich die beiden Söhne Conrad und Moritz in das väterliche Geschäft eingelebt, beide haben es zu ihrer eigenen Welt gemacht. Es blieb Richard Baltz, dem zu diesem Zeitpunkt 23jährigen - er war also nicht viel älter als sein Vater beim Tode von Moritz Baltz - vorbehalten, dieses nun schon alte Familienunternehmen aus der Enge herauszuführen, um ihm seinen bedeutsamen Platz inmitten des modernen Lebens anzuweisen.

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Um die Jahrhundertwende
wurde der Ankauf des
Nachbarhauses erforderlich
Bochum hat in diesem Jahr 1900 nun schon 65.000 Einwohner und ist eine überaus regsame Mittelstadt geworden, die sich zu Lebzeiten von Richard Baltz zur Großstadt mit mehr als 300.000 Einwohnern entwickeln wird. Wenn auch in diesem neuen Jahrhundert alles auf weitere Aufwärtsentwicklung hinweist, so lassen sich die Ausmaße dieser Entwicklung doch keineswegs vorausberechnen, zumal es an Rückschlägen und Konjunkturelnbrüchen, wie sie für jene Zeit charakteristisch sind, nicht fehlt. M. Baltz verfügt zu dieser Zeit nach wie vor über 70 qm Ladenraum, Platzmangel ist hier sozusagen eine ständige Einrichtung geworden und wird es noch für lange Zeit bleiben.

Es ist von sachlichem Interesse zu verfolgen, in welcher Weise nun der junge Richard Baltz das Heft in die Hand nimmt, wo er auf dem Bewährten beharrt, wo er neue Wege beschreitet.

Conrad Baltz, der wegen seines bescheidenen und gütigen Wesens überall Hochgeschätzte, erkennt die Überlegenheit des jüngeren Bruders neidlos an. Niemals behindert er ihn in seinem Weg. So hat ein gütiges Schicksal hier die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß eine ungewöhnliche Begabung sich mit und in seinem Lebenswerk zu einer ausgeprägten, später weit über die Grenzen Bochums hinaus bekannten Persönlichkeit entwickeln kann.

Es ist ein untrüglicher Instinkt, der Richard Baltz führt, so, wenn er alsbald den Einkauf zu seiner besonderen Domäne macht, dieses schwierigste und wichtigste Gebiet des Geschäftes. Er weiß, daß allein im guten und richtigen Einkauf aber der Erfolg beschlossen liegt, und erkennt früh den Nutzen einer sofortigen Bezahlung der Lieferanten. Es widerspricht seinem innersten Gefühl, sich beim Einkauf und auch beim Verkauf auf irgend ein Kredit- oder Borgsystem einzulassen, das zu Zeiten seines Vaters noch allgemein in Übung war. Er will in einer sauberen, klaren, durchsichtigen Welt leben, wie sie seiner eigenen Natur entspricht. Ein anderer Punkt, dem er in steigendem Maß seine Aufmerksamkeit schenkt, ist die Auswahl seiner Mitarbeiter. Von jeher hatte die Pflege der menschlichen Beziehungen zur Kundschaft Im Hause Baltz besondere Sorgfalt erfahren. Richard Baltz will, daß es so bleibt, auch jetzt, wo das Unternehmen größer wird und nicht mehr von Familienangehörigen allein betreut werden kann. Ihm ist in hohem Maß die Gabe der Menschenkenntnis gegeben, der unbestechliche BIick, der sich durch keinen äußeren Schein betrügen läßt. Diese Gabe wird einmal, und zwar nach seinem Tode, für das Schicksal des Hauses entscheidende Bedeutung gewinnen. Charakteristisch ist auch, daß er sich die Führung des Sachkonten-Hauptbuches vorbehält und daß es keine Inventuraufnahme ohne ihn gibt. Hier regt sich der Fachmann, dem das Organisieren, das richtige Gliedern und Aufteilen im Blut liegt, der ohne ein alles beherrschendes Ordnungsprinzip nicht leben kann. Betrachtet man rückschauend diesen Einsatz an den Angelpunkten des Unternehmens - Einkauf, Dienst am Kunden durch geeignete Mitarbeiter und Verwaltung - so wird deutlich, daß Richard Baltz die Fähigkeit besitzt, Wesentliches vom Unwesentlichen zu scheiden. Später wird sich zeigen, daß er darüber niemals die kleinen Dinge vergißt, ja, daß ihm das Kleine ebenso wichtig wie das Große ist. Darum wird er mehr sehen als jeder andere, niemand wird es sich unter ihm bequem machen können.

In allem diesem bewegt sich Richard Baltz noch durchaus auf den Spuren der Väter. Im Grunde sind es die Geschäftsprinzipien seines Vaters und Großvaters, denen er folgt. Auch seine Leidenschaft für die Qualität, seine Abneigung gegen jeden Schund, sein Bemühen, dem Kunden und insbesondere dem Arbeiter klar zu machen, daß billig kauft, wer gute Ware kauft, liegen ganz auf der Linie des nun schon 75 Jahre alten Unternehmens. Hier ist der gar nicht so häufige Fall eingetreten, daß der Sproß der dritten Generation sich die Lehren des Vaters und Großvaters ganz zu eigen gemacht hat, daß sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen sind und ihn darum schon in jungen Jahren mit jener Sicherheit ausstatten, die meist erst in langer Lebensarbeit errungen wird.

Der Bauherr

Wenn von dem Bauherrn Richard Baltz gesprochen wird, so ist dies nicht zuletzt ein Zugeständnis an Äußeres, ins Auge Springendes. Denn hinter dem Bauherrn steht ein Größeres und Tieferes: der Unternehmer.

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"Kleine Dinge…"
Und damit wird auch der Punkt berührt, wo Richard Baltz die alten Wege verläßt und sich auf Neuland begibt, das weit und unbekannt vor ihm liegt. Das Wesen des echten Unternehmers ist darin beschlossen, daß er da Möglichkeiten sieht, wo andere sie nicht erkennen, und daß ihm die Mittel zu ihrer Verwirklichung bekannt sind. Es hat in diesem Jahr 1900 auch andere Spezialgeschäfte von der Bedeutung des Baltz'schen gegeben und wahrscheinlich sogar größere. Aber sie wurden nicht, was die Firma M. Baltz geworden ist, weil ihnen die unternehmerische Persönlichkeit gefehlt hat.

Richard Baltz sieht sich seine Welt und seine Umwelt an. Es gehört ihm nichts als dieses kleine Haus in der Oberen Marktstraße mit seinem doch winzigen Laden. Sein ruhiger Sinn sagt ihm, daß man mit allem Fleiß und Eifer hier bleiben muß, was man ist: ein Spezialgeschäft, das seinen Mann gut ernährt, aber auch nicht mehr. Wenn es der Firma M. Baltz gelingt, im Jahr 1904 das Nachbargrundstück zu einem Preis von 155.000 Mark zu erwerben, so darf nicht übersehen werden, daß dies für die damalige Zeit ein sehr hoher Goldmarkbetrag ist. Der Kauf ist also ohne Frage ein Sprung ins Dunkle und Ungewisse, der die finanziellen Kräfte des Unternehmens hoch beansprucht.

Gewiß gibt er die Möglichkeit, den Laden nach hinten auf eine Tiefe von 55 m zu bringen. Aber die 155.000 Mark liegen erst einmal fest. Doch schon ein Jahr später fühlt sich Richard Baltz stark genug, nun auch das Haus Pariserstraße 9 zu erwerben, das hinten an die eigenen Grundstücke grenzt.

Im Jahr 1910 ist er so weit, umbauen zu können. Dieses Umbauen und Größerbauen wird sich nun zu einem ausgesprochenen Trieb entwickeln, wozu nicht wenig beiträgt, daß Richard Baltz einen ausgeprägten Sinn für das Architektonische in sich entdeckt, die Fähigkeit, in Räumen und Aufgliederungen zu denken mit der deutlichen Zutat des Sinnes für das Praktische und Nützliche. So gefallen ihm die vielen für den Umbau vorgesehenen Pfeiler nicht, er kommt auf den Gedanken, das geplante Zwischenstockwerk "aufhängen", und so entstehen die Galerien, die jeder alte Bochumer gekannt hat.

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Ordnung in allem
Vielleicht weiß nur Richard Baltz zu dieser Zeit, daß dieser Umbau nur eine Etappe ist - immerhin ein Abschnitt von Bedeutung. Acht Tische dienen nun dem Verkauf in dem langen, schmalen Raum. Da kommen zuerst die Baumwollstückwaren, Gardinen, Bettwäsche und was dazugehört, dann die Kleiderstoffe, am Tisch 3 die Knabenkonfektion, am folgenden die Herrenkonfektion, Tisch 5 dient der Grubenkleidung, zwischen ihm und dem folgenden häufen sich Ballen von Läuferstoffen und Teppiche. Tisch 6 zeigt die Sweater und Strickjacken, Tisch 7 Turnhosen, Turnhemden und Strümpfe und der letzte Herrenwäsche und Herrensocken. Das heißt, das kommende Kaufhaus zeichnet sich bereits ab. Die Damenkonfektion fehlt freilich noch und wird noch lange fehlen.

Zu dieser Zeit wird noch "durchbedient", das heißt, ein Verkäufer nimmt sich des Kunden an und geht mit ihm von Stand zu Stand. Die Galerie aber dient als Lager, ebenso wie der Keller. Auch zwei schmale Schaufenster sind jetzt da, in die möglichst viel hineingestopft wird, um zu zeigen, was alles M. Baltz zu bieten hat.

Und doch wird schon drei Jahre später der nächste Schritt getan, wird das Untergeschoß des 1904 gekauften Hauses in die Verkaufsräume einbezogen. Zu Beginn des ersten Weltkrieges folgt der Ankauf eines weiteren Hauses. Dann freilich erzwingen die Zeitverhältnisse eine Ruhepause. Für Richard Baltz wird es zum Segen, daß ihm das Schicksal diese Pause auferlegt. Er gewinnt Zeit, an Persönliches zu denken. Im November 1921 heiratet er Else Bellwinkel, die älteste Tochter des Oberingenieurs Ernst BelIwinkel aus Bocholt und gewinnt damit die treue Lebensgefährtin, die einmal sein Werk weiterführen wird.

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Das Jahr 1924 brachte mit
dem Neubau eine Verdopplung
der Geschäftsräume
Schon im gleichen Jahr gelingt es, das Haus Obere Marktstraße 24 zu erwerben, und im Jahr 1924 ist die Zeit reif für den ersehnten großen Neubau. Ein vierstöckiges Gebäude entsteht, das in allen seinen Stockwerken Geschäftszwecken dient. Architekt ist Eduard Budde aus Essen, der schon für M. Baltz gebaut hat und noch viel für die Firma bauen wird. Der neue Bau ist ein Eisenbetonbau, zweckbestimmt und klar gegliedert. Im Erdgeschoß gibt es nun hohe Schaufenster mit großen Glasflächen. Hell und übersichtlich sind die Verkaufsräume. Ein Lichthof bildet den Mittelpunkt des Gebäudes, und nur die Fassade ist noch nicht einheitlich, da die alten Häuser in der Oberen Marktstraße im alten Zustand belassen worden sind.

Aber auch dieser Bau ist nur ein Abschnitt. In den Jahren 1932 bis 1936 erwirbt Richard Baltz die gesamten an das Kaufhaus anschließenden Gebäude. Jetzt erst kann der Neubau so durchgeführt werden, wie er es sich erträumt hat. Damit der Geschäftsbetrieb keine Unterbrechung erfährt, wird in einzelnen Bauabschnitten gebaut. Es geht freilich nicht alles so glatt, wie man hofft. Die Bodenverhältnisse zwingen dazu, eine starke Betonsohle zu schaffen. Endlose Regenfälle verzögern die Fertigstellung. Aber endlich im Jahr 1937 ist das große Werk vollendet. Im Herzen von Bochum steht der monumentale Bau mit einheitlicher Fassade, mit einer Flucht von Verkaufsräumen, das Textil-Kaufhaus M. Baltz, ein Wahrzeichen der regsamen Stadt.

In der Mühe des Alltags

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Das Schneider-Atelier
Wenn hier die Baugeschichte der Firma M. Baltz vorweggenommen wurde, so ist es dem Chronisten des Hauses nicht anders, als habe er nur das Gerüst gegeben, das nun das Eigentliche und Wesentliche erst nach sich ziehen muß.

Denn in Wahrheit ist diese Bautätigkeit ja nichts anderes als Begleitung, der äußere Ausdruck eines inneren Werdeganges, der nicht nur ein geschäftlicher, sondern auch ein menschlicher Werdegang ist. Fast könnte hier der Eindruck entstehen, daß es ein Spiel sei, Kaufhäuser aus dem Boden zu stampfen, wenn man es nur richtig anfängt. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Die Voraussetzung für diese Bautätigkeit ist der geschäftliche Erfolg, der wahrlich nicht vom Himmel fällt, sondern im Alltag mit kleinen und mit großen Mühen errungen werden muß. Niemand weiß das besser als Richard Baltz. Er läßt bei Webereien besonders breite Bettücher oder Handtücher herstellen. Er gibt den Auftrag, besonders dichte Ware zu weben. Niedrige Preise - jawohl! Aber niemals auf Kosten der Qualität. Winterware einkaufen nicht erst im September und Oktober, sondern im Juli und August und natürlich sofort gegen bar.

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Das Gardinen-Atelier
Das erst schafft die günstigen Voraussetzungen. Nun, da die Zahl der Angestellten wächst und wächst, wird die Frage des Nachwuchses immer wichtiger. Lehrlinge gründlich auszubilden, sie mit dem Geist des Hauses zu erfüllen, ist eine Aufgabe, die nicht übersehen werden darf. Sie sollen gewiß von der "Pike auf!" dienen, aber sie sollen auch alles lernen, was irgendwie bedeutsam ist.

Nichts ist so klein, daß es nicht beachtet werden müßte. Dann stellt der erste Weltkrieg vor bisher nicht gekannte Schwierigkeiten. Verkäufer, Buchhalter, Geschäftsführer ziehen ins Feld. Als Ersatz müssen weibliche Kräfte herangezogen werden. Es gilt sich umzustellen, wie sich zeigen wird, nicht nur für die Kriegszeit, die am Ende elend genug ist mit ihren Stoffen aus Papiergarn. Der Krieg geht zu Ende , aber die alten grundsoliden Zeiten kehren nicht mehr zurück. Kauften früher die Kunden Stoffe "auf lange Sicht", die möglichst für das ganze Leben halten sollten, so will jetzt auch der, der nicht viel Geld hat, dem schnellen Wechsel der Mode folgen.

Wieder beginnt das Ringen um die Qualität, jedoch mit ganz anderen Voraussetzungen. Kunstseide wird Trumpf für Stoffe, Wirkwaren und nicht zuletzt für die Strümpfe. Es ist nicht immer leicht, diesen Neuerungen Rechnung zu tragen und auch für sie die Grundlinie des Hauses durchzusetzen. Selbst die Schaufensterdekorationen werden jetzt zu einer Aufgabe und wollen dem "Zeitgeist" angepaßt sein.

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Der für Bochums Zentrum charakteristische Monumentalbau wurde 1937 vollendet

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Bettfedern werden eingefüllt
Im Jahr 1927 kann im 2. Stockwerk des eben neu gebauten Gebäudes das 100jährige Bestehen des Hauses feierlich begangen werden, gewiß ein Tag zur besinnlichen Einkehr, aber auch eine Gelegenheit, um die Bande zur Kundschaft enger zu knüpfen. Besondere Jubiläumsmarken werden herausgebracht, beste Qualitäten in Stoffen, von denen die Bochumer Hausfrauen Hunderttausende von Metern kaufen. Auch die Abteilung Berufskleidung hat ihre Jubiläumsartikel. Denn die Versorgung der Bevölkerung mit zweckmäßiger, praktischer Berufskleidung gehört zur ältesten Tradition des Hauses.

Dann schafft die Weltwirtschaftskrise, die im Jahr 1929 beginnt, neue Sorgen. Sie führt u. a. zum Zusammenbruch der Nordwolle, dem führenden Produktionsunternehmen der Textilbranche. Die Preise stürzen ins Bodenlose, sie werden halbiert, gedrittelt. Rohwolle sinkt auf den tiefsten Stand seit Menschengedenken.

Die Eisenindustrie Bochums wird in schwerster Weise in Mitleidenschaft gezogen, Heere von Arbeitslosen bevölkern die Straßen. Und jeder Arbeitslose ist ein Käufer weniger. Aber Richard Baltz steuert das Unternehmen sicher durch die große Krise, so sicher, daß er, als sie im Jahr 1932 zu Ende geht, 300 Angestellte beschäftigt gegen 186 im Jahr 1927.

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Für das wohnliche Heim
Und nun wird auch die Lücke ausgefüllt, die lange als schmerzlich empfunden wurde. Die Damenkonfektion hält ihren Einzug in das Textil-Kaufhaus M. Baltz. Sie wird förmlich über Nacht aus dem Boden gestampft und entwickelt sich schnell zu einer sehr bedeutenden Abteilung des Hauses. Jetzt erst ist das Bild gerundet, ist alles da, was hierher gehört.

Indessen gilt es, sich Tag für Tag mit Einzelfragen auseinanderzusetzen, mit der Organisierung des gewaltig gewachsenen Betriebes, der längst Millionen umsetzt, mit den Tücken und Launen der Mode, die so erfinderisch ist, Schwierigkeiten zu bereiten. Das Auge von Richard Baltz ist überall. Es entgeht ihm nicht die geringste Kleinigkeit, wenn er die Runde durch "sein Haus" macht, das im Jahr 1931 ganz sein Eigentum geworden ist, da sich Conrad Baltz nach Jahrzehnten getreuer Mitarbeit zur Ruhe setzte und ausschied.

Als der letzte große Neubau vollendet ist, beschäftigt M. Baltz 650 Angestellte und im Jahr 1939 sind es 750! Dann bricht das Unheil des zweiten Weltkrieges über Deutschland herein, schlägt der blühenden Wirtschaft tiefe Wunden. Der Bezugsschein tritt auf den Plan und die "Reichskleiderkarte" unseligen Angedenkens. Das freie Leben geht zu Ende . Man ist nur noch Verteiler von Waren, die immer knapper werden. Das Schicksal meint es freundlich mit Richard Baltz, als ihn im Dezember 1941 der Tod aus seinem Wirkungskreis nimmt. So bleiben ihm die großen Schrecken, die über die Heimat hereinbrechen, erspart. Es bleibt ihm erspart, zu erleben, wie sein Lebenswerk, das Kaufhaus, in dem er buchstäblich jeden Stein kennt, in Flammen aufgeht, wie in Stunden vernichtet wird, was Generationen erbaut und geschaffen haben. Insbesondere die großen Industriestädte werden Ziel der Luftangriffe, und Bochum erhält seinen wohlgemessenen Teil. Zeiten brechen herein, die alles in Frage stellen, nicht zuletzt den Bestand dieses Hauses, das festgegründet erschien für lange Zeiten.

Richard Baltz – Bilder einer Persönlichkeit

Chronik Modehaus Baltz Bochum
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Soviel hier über Richard Baltz gesagt worden ist - über seine Gaben, Talente und Fähigkeiten - so sehr das Werk für ihn selber spricht, es bliebe doch ein unvollkommenes Bild, ginge man an dem Menschen Richard Baltz vorüber. In seinen Erfolgen liegt sein eigentliches Wesen nur zum Teil beschlossen. Gewiß hatte er Erfolg, weil er von der Natur mit hohen Gaben ausgestattet war, aber es ging ihm nicht in erster Linie um den Erfolg und am wenigsten um Reichtum und Ehren. Ehrgeiz, Geltungsbedürfnis sind Worte, die den Kreis seines Daseins nicht berühren. Tief verwurzelt in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, läßt sich Richard Baltz nur begreifen als der lebendige Ausdruck echten, alten Kaufmannsgeistes, wie ihn das 19. Jahrhundert in seiner besten Periode prägte. Dieser "ehrbare Kaufmann" zeichnete sich nicht allein durch strenge Rechtlichkeit aus, ihm ging es vor allem um die Sache, die er zu vertreten hatte.

In ihm war die Überzeugung fest begründet, daß das Leben dem Menschen nicht zum Vergnügen gegeben war, nicht zum leichten Genuß, sondern zur ernsten Aufgabe, in deren Erfüllung er das Werk und sich selbst zu vollenden hatte. Für Richard Baltz stellte sich die Welt nicht dar als ein schwankendes, fragwürdiges Gebilde, über dessen verfehlte Konstruktion sich zu ereifern jedem Dummkopf erlaubt war, für ihn war sie der Raum, in dem nach Maßgabe seines Könnens zu wirken ihm aufgetragen war. In dieser Auffassung wurzelte der große Ernst, der wohl der ausgeprägteste Zug seines Wesens war.

Es war ein forschender, nicht oberflächlich gelagerter Ernst. Es ging ihm überall um das Echte und Wahre. "Die Wahrheit spricht mit stummen Blicken und übertönt doch alle Schreier." Dieser Ausspruch von Richard Baltz ist der ganze Mann. Er wußte, daß es eine Wahrheit gibt, die dem Menschen auch zugänglich ist, er vermochte Echtes und Unechtes wohl zu scheiden und kehrte sich von allem Schillernden, nur auf äußere Wirkung Bedachten, sich wichtig Machenden entschieden ab. Unnachsichtig gegen sich selbst, scheute er sich allerdings auch nicht, an seine Mitarbeiter hohe Anforderungen zu stellen. Er gehörte nicht zu den bequemen Menschen. Das sind ausgesprochene Persönlichkeiten nie. Es war kein Vergnügen, von ihm auf Herz und Nieren geprüft zu werden. Es war ihm nichts vorzumachen, und fast immer traf sein Urteil ins Schwarze. Dem, den er als Mitarbeiter gewinnen wollte, stellte er kurze und knappe Fragen und erwartete Antworten, die Hand und Fuß hatten. Seine scharfe Beobachtungsgabe, der nichts entging, war wohl bekannt. Auch als die Zahl der Angestellten größer und größer wurde, verlor er die Übersicht nicht. Aus Geringfügigem und anscheinend Nebensächlichem verstand er, seine Schlüsse zu ziehen, die von tiefer Einsicht in Menschenart Zeugnis ablegten.

Die große Sicherheit seines Auftretens beruhte nicht zuletzt darin, daß er der überragende Fachmann war, von dem alle nur lernen konnten, selbst vielerfahrene Spezialisten. Denn er beherrschte das gesamte Fachgebiet. So hatte er seine eigene Auffassung von "Baltz-Zutaten" in der Herrenkonfektion, das Leibfutter sollte noch nach 20 Jahren nicht zerschlissen sein, und auch die Art, wie ein Knopf angenäht war, hatte ihre Bedeutung. Gefürchtet war sein Prüfen von Stoffen. Hielt ein Stoff einer gewissen "Daumendruckprobe" nicht stand, so wurde er abgelehnt.

Prüfte er ihn auf Reißfestigkeit, so nahm er das Muster in beide Hände, zog daran, als ob es Eisen wäre. Beim Prüfen der Fäden schob er die Brille auf die Stirn, zog behutsam die Fäden heraus und zupfte und drehte so lange an ihnen herum, bis sich das Schlechte von dem Guten schied. Derselbe Mann aber, der so der Ware zu Leibe ging, huldigte dem Grundsatz "leben und leben lassen", womit gesagt sein sollte, daß es sinnlos sei, die Preise zu tief zu drücken, da alles Reelle und Solide seinen Wert behalten müsse.

Und hier ist erst der Schlüssel zu seinem innersten Wesen. Richard Baltz verbarg hinter der Strenge ein sehr gütiges Herz, das weit davon entfernt war, menschlichen Schwächen verständnislos gegenüberzustehen. Was er in Wirklichkeit dachte und empfand, wußten und verstanden ganz wohl nur seine Frau, später auch seine Kinder - denn er war ein vorbildlicher Familienvater - und seine engsten Mitarbeiter, denen er zu gelegener Stunde einmal sein Herz öffnete. Sie dankten es ihm mit einer Verehrung, die weit über die Lebzeiten Richard Baltz hinausreichte und die noch heute lebendig ist.

Vielleicht am bezeichnendsten für Richard Baltz ist die Tatsache, daß alle, die ihm dienten, auch wenn sie ihm nicht näher treten konnten, ihn achteten und verehrten, daß sie von ihm noch gegenwärtig sprechen als von einem Mann, der ein Recht hatte, so zu sein, wie er war, dessen Autorität auf allen Gebieten Gültigkeit hatte, auf dem sachlichen wie auf dem menschlichen Gebiet, und der ihnen allen das Gefühl absoluter Sicherheit gab. Solange Richard Baltz das Steuer führte, dürfte man unbesorgt sein um Fahrt und Ziel.

Katastrophen

Nach dem Tode von Richard Baltz steht seine Gattin einer außergewöhnlich schwierigen Lage gegenüber.

In einem entscheidenden Zeitpunkt seiner Geschichte sieht sich das Unternehmen des erfahrenen, allen Fragen gewachsenen Leiters beraubt. Durch die Kriegsmaßnahmen geht der Umsatz zwangsläufig zurück. Es ist nicht mehr möglich, auf die Qualität der Waren Einfluß zu nehmen - und schon beginnen sich die Gefahren abzuzeichnen, die durch einen erbarmungslosen Luftkrieg heraufbeschworen werden. Daß in nicht sehr ferner Zeit alle deutschen Großstädte in Schutt und Asche sinken werden, ahnen am Ausgang dieses Jahres 1941 freilich nur die wenigsten.

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Else Baltz
Frau Else Baltz erkennt ihre Aufgabe darin, das große Unternehmen als Treuhänderin der vierten Generation zu verwalten für ihre fünf Kinder, insbesondere für den einzigen Sohn und Erben des Geschäftes Richard, der beim Tode seines Vaters erst 9 Jahre alt ist. Schon im Jahr 1936 hat sie Generalvollmacht und Prokura erhalten. Sie kennt die Gedanken und Auffassungen von Richard Baltz wie kein anderer, sie hat an seinen Sorgen immer lebendigen Anteil genommen, wohlvertraut mit allen Einzelheiten des Unternehmens ist sie entschlossen, alle ihre Kräfte für das Werk ihres Lebensgefährten einzusetzen. Sie kann sich dabei auf den bewährten Mitarbeiterstab stützen, den Richard Baltz sich im Lauf der Jahre herangezogen hat.

Schon lange gibt es in der Firma M. Baltz Geschäftsführer, die unter Richard Baltz mit eigener Verantwortlichkeit arbeiteten. Aus ihrer Reihe sei hier Carl Hütten erwähnt, dem von 1907 an Büro und Einkauf unterstanden und der auch jetzt seinen erfahrenen Rat zur Verfügung stellen kann. Ferner Ernst Arthur Herbeck, der die älteste Tochter Lore Baltz heiratete, er ist seit dem Unheilsjahr 1943 vermißt. Buchhaltung und Verwaltung sind dem Prokuristen Otto Schütz seit langen Jahren anvertraut. Dem Prokuristen Franz Niodusch untersteht die Herren- und Knabenkonfektion ebenfalls seit vielen Jahren. Der Jüngste unter den Geschäftsführern ist Theodor Mühlenhöver, einer der engsten Mitarbeiter von Richard Baltz, dem alsbald wichtigste Aufgaben zufallen sollen. Richard Baltz hat in der Tat dafür gesorgt, daß seine Frau nach seinem Tode nicht verlassen dasteht.

Von größter Wichtigkeit für die Zukunft ist, daß von Theodor Mühlenhöver zu dieser Zeit die Gefahren des Luftkrieges richtig eingeschätzt wurden. Es werden deshalb in der näheren und weiteren Umgebung von Bochum Ausweichlager geschaffen, und diese Lager sind auf Grund sorgfältiger Überlegungen so zusammengestellt, daß jedes von ihnen einzelne Artikel aller Art enthält, so daß eine Warengruppe mehrmals ganz ausfallen kann. Es ist auch dafür gesorgt, daß die Waren gut in Regalen gelagert sind und daß sie sorgfältig bewacht werden. Das ist freilich alles, was man zur Minderung der Gefahr tun kann.

Das Jahr 1942 geht zu Ende und macht die unheilvolle Lage Deutschlands deutlich. Dann kommt das Unheilsjahr 1943, und mit ihm kommen die Luftangriffe, gegen die es bald keinen Schutz mehr gibt. Schon hat Bochum durch einige leichtere Angriffe einen Vorgeschmack dessen bekommen, was der Stadt bevorsteht. Da trifft sie zu Pfingsten 1943 der erste sehr schwere Luftangriff, der gegen das Zentrum der Stadt, den Stadtkern, gerichtet ist. Im Kaufhaus Baltz befindet sich in dieser Nacht eine Luftschutzwache. Sie steht dem hereinbrechenden Unheil praktisch machtlos gegenüber. Im vernichtenden Regen der Spreng- und Brandbomben beginnt das Kaufhaus an vielen Stellen zu brennen. Jeder Versuch des Löschens ist aussichtslos. Als die Hitze unerträglich wird, versucht die Luftschutzwache über die Trümmer des Nachbarhauses den Weg ins Freie zu finden. Zwei Männer sondern sich ab und wollen durch das brennende Kaufhaus die Bongardstraße gewinnen. Sie finden den Tod in den Flammen, während die anderen sich zu retten vermögen.

Als der Morgen graut, stehen von dem Kaufhaus M. Baltz nur noch die Fassade und Mauern, zwischen denen verbogene Stahlgerippe gen Himmel ragen. Ungeheure Werte sind vernichtet worden, nichts konnte gerettet werden in dieser Nacht vom 12. zum 13. Juni, das Zentrum Bochums ist ein Trümmerfeld.

Der schreckliche Angriff hat eine allgemeine Flucht aus dem Stadtinnern zur Folge. Viele Geschäfte verzichten von vornherein darauf, sich im Stadtinnern noch in irgendeiner Form zu halten. Die Firma M. Baltz vertritt eine andere Auffassung. Sie ist der Meinung, daß im Interesse der schwer arbeitenden Bevölkerung die Versorgung mit Textilwaren gerade in der Innenstadt keine Unterbrechung erfahren darf. Sie leitet sofort mit der Stadtverwaltung Besprechungen ein mit dem Ergebnis, daß ihr der einzige größere Verkaufsraum in der Innenstadt, der noch erhalten ist, zugewiesen wird. Es sind dieses die Automobil-Ausstellungsräume in der Kortumstraße. In größter Eile werden aus den Ausweichlagern Waren herangeschafft, behelfsmäßige Regale aufgestellt, Stühle und Tische besorgt, und in wenigen Tagen ist man wieder verkaufsbereit.

Der Verkauf in diesen neuen Räumen währt genau 6 Tage. Dann folgt in der Nacht vom 25. zum 26 Juni der nächste schwere Angriff, der alle Mühe zunichte macht. Auch diese Räume gehen in Flammen auf.

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Die behelfsmäßige Verkaufsstelle 1946 als Zeichen des wiedererwachenden Bochum

Chronik eines Kampfes

Das Gedächtnis der Menschen ist kurz. Selbst schwere und schwerste Erlebnisse werden schnell vergessen - zum Glück!

Da aber, wo ein Beispiel gegeben wurde, wo ein anscheinend aussichtsloser Kampf den Erfolg nach sich gezogen hat, sollte die Erinnerung bewahrt werden zur Lehre und zum Ansporn für kommende Geschlechter. In der langen Geschichte der Firma M. Baltz ist dieser Zeitabschnitt von dem Untergang des Kaufhauses bis zum Beginn des Wiederaufbaus gewiß nur ein Zwischenspiel. Dieses Zwischenspiel aber, das einen Kampf größten Ausmaßes und auf vielen Ebenen darstellt, ist ein Dokument eines entschiedenen Lebens- und Behauptungswillens.

Obgleich in den Gebieten der Großstädte noch heute genug Trümmer Zeugnis ablegen von jenen Schreckenszeiten, bedarf es einiger Mühe, um sich das Grauen und die Verödung ins Gedächtnis zu rufen, die in diesem Jahr 1943 in Bochum immer mehr um sich greifen. Es gibt ganze Straßenzeilen, in denen sich kein Leben mehr regt. Die Straßen sind besät mit Glassplittern und mit Trümmern. Wenn die Dämmerung hereinbricht, sind die großen Geschäftsgegenden leer und tot, dann versinken sie in eine Nacht, die kein einziges Licht erhellt. Einzelne, die gezwungen sind, sich herauszuwagen, eilen schnell durch die Straßen und horchen in die Nacht hinein, ob Motorengeräusche sich nähern.

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Der richtige Weg
Sie nähern sich nur zu oft. Angriff folgt auf Angriff, Abschnitt für Abschnitt der arbeitsamen Stadt wird in Trümmer gelegt. Das aber ist die Chronik der Firma M. Baltz in dieser Zeit: nach der Zerstörung der Verkaufsstelle in den Automobil-Ausstellungshallen wird in einem gegenüberliegenden Haus eine neue Verkaufsstelle eingerichtet - schon am nächsten Tag! Die Näherei arbeitet im Hause Hellwegstraße 15, die Schneiderei in der Kreuzstraße. In den Häusern, die der Firma M. Baltz am Wilhelmsplatz gehören, werden Trikotagen verkauft. Diese Häuser fallen den großen Angriffen im Oktober 1943 zum Opfer, mit ihnen die Warenvorräte.

Indessen versucht Otto Schütz die Voraussetzungen zu schaffen für Abschluß und Bilanz dieses Schreckensjahres. Alle Buchungsunterlagen, der gesamte Schriftwechsel mit Lieferanten und Kunden, sind vernichtet worden beim großen Brande des Kaufhauses. Mühselig werden die Einzelheiten zusammengetragen, sogleich wie in ruhigen Zeiten wird der Status aufgestellt. Um einen nochmaligen Verlust dieser Art zu vermeiden, werden die Büros nach Borghorst verlegt im folgenden Jahr stellt sich dann heraus, daß bei den schwierigen Verkehrsverhältnissen eine Verwaltung von dort aus nicht mehr möglich ist. Also geht es zurück nach Bochum wieder mitten hinein in das Gefahrenzentrum. Jetzt nimmt das Wohnhaus der Familie Baltz in der Markgrafenstraße die Verwaltung auf. Am 4. November 1944 trifft Bochum der vielleicht schwerste aller Luftangriffe, in dem alle Verkaufsstellen des Hauses und wiederum alle Waren vernichtet werden. Aber am 9. November wird nun der Verkauf in der Markgrafenstraße aufgenommen.

Andere Verkaufsstellen werden vorwiegend jetzt in den Außenbezirken errichtet. Diese fast schon monotone Chronik kann nicht den ungewöhnlichen, zähen Energieaufwand erfassen, der hier notwendig war, nicht die unvergleichlichen Alltags-Mühsalen und nicht das ständige Leben in Todesgefahr. So verkauft und verkauft die Firma M. Baltz weiter, bis am 10. April 1945 die Amerikaner einrücken. Die Bevölkerung atmet auf. Nun aber folgen Schrecken anderer Art. Am 11. April stürmen Plünderer das Bergbaumuseum, in dem sich auch große Warenlager der Firma M. Baltz befinden. Dann erst ist der Krieg zu Ende .

Aber ist er wirklich zu Ende ? Zunächst sieht es so aus: die Stadt Bochum, vor allem die Innenstadt, ist eine Wüstenei. Rings um die Trümmerstätte des Kaufhauses M. Baltz ist in weitem Umkreis alles Leben erloschen. Zu diesem Stadtkern zu gelangen, gibt es nur eine Möglichkeit: zu Fuß. Aber wozu soll man sich die Mühe machen, dorthin zu wandern? Das Leben, soweit es noch vorhanden ist, steht buchstäblich still. Es fahren keine Eisenbahnen mehr, es verkehrt keine Post, es fahren auch keine Elektrischen und keine deutschen Autos. Und die Bevölkerung hungert und wird noch lange hungern müssen. In einem solchen Zusammenbruch ohnegleichen erscheint jede Tätigkeit sinnlos. Wenn es je eine ausweglose Lage gab, dann ist es diese. Das verdient festgehalten zu werden, denn das ist der Hintergrund, von dem sich abhebt, was dann kam.

Das neue Haus

Charakteristisch für den Geist, den Richard Baltz in sein Unternehmen getragen hatte, ist, daß die, denen er sein Erbe anvertraute, den Entschluß fassen, in dieses tote Stadtzentrum zurückzukehren. Frau Else Baltz ist entschlossen, das Wagnis zu unternehmen, und wenn möglich noch entschlossener ist Theodor Mühlenhöver, der in dieser Zeit die Stellung des ersten Geschäftsführers eingenommen hat. Er wird zum Motor dieses Aufbaugedankens, der zu dieser Zeit mehr als verwegen ist. Denn das Zentrum von Bochum ist wirklich tot, und es sind nicht wenige, die meinen, daß es für immer tot bleiben wird, weil es nicht lohnt, die riesigen Trümmerfelder zu beseitigen.

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Das neue Haus
Schon im Sommer 1945 geht also die Firma M. Baltz daran, die Trümmer in der Bongardstraße mit Hilfe der männlichen und weiblichen Kräfte, die vorhanden sind, aufzuräumen. Und zu dieser selben Zeit werden die ersten Pläne für den Wiederaufbau in Angriff genommen. Es wird nicht rechts und nicht links gesehen, sondern nur dieses Ziel ins Auge gefaßt. Man setzt sich mit dem Architekten Knoblauch aus Essen in Verbindung, einem ausgezeichneten Fachmann auf dem Gebiet des Baues großer Kaufhäuser, und geht also ans Werk.

Das Ergebnis nach 12 Monaten ist eine Verkaufsräumlichkeit von 400 qm Fläche, ein Werkstättenraum von 200 qm und 150 qm für Büros. Am 13. Juni 1946 können diese Räume in Betrieb genommen werden. Es bleibt weiter allerdings ein Wagnis. Denn noch immer ist das Zentrum von Bochum tot. Leider fehlt es auch an Waren. Auch ist die Reichskleiderkarte noch immer in Kraft. So stehen denn auch in den Schaufenstern nur einige Töpfe mit Alpenveilchen, die mit "Bekleidungszwecken" nicht das Mindeste zu tun haben. Immerhin ist in den Ausweichlägern noch einiges vorhanden gewesen, so daß man also beginnen kann. Bochum zählt am Ende dieses Jahres 1946 wieder 250.000 Einwohner. Aber diese leben fast alle in den Außenbezirken, nur 10 Prozent von ihnen hausen in den Kellern und Trümmern der Innenstadt. Indessen macht die Firma M. Baltz weitere Baupläne auf sehr geduldigem Papier.

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Theodor Mühlenhöver
Größere Geduld aber, als das Papier besitzt, benötigen die, die daran gehen, die Baupläne zu realisieren. Denn es ist so gut wie nichts von dem greifbar, was man zum Bauen benötigt. Jeder Stein muß sozusagen einzeln beschafft werden. Die Reichsmark führt nur noch ein Schatten- und Zwangsdasein, sie ist Papier, das im Grunde keiner mehr haben will. Der Bevölkerung ist es indessen gestattet, weiter zu hungern nach wohlzugemessenen "Kalorien", die zuviel zum Sterben und zuwenig zum Leben sind. Das Wunder des deutschen Wiederaufbaus wird immer ein Wunder bleiben.

Eines Tages ist es aber doch so weit, daß mit dem Wiederaufbau des 2. und 3. Stockwerkes begonnen werden kann. Und eines Tages sind die Räume sogar fertig. Aber die 400 qm Verkaufsraum reichen noch vollkommen aus. Denn Ware ist noch immer sehr knapp, und so werden die neu gebauten Stockwerke erst einmal vermietet. Langsam beginnt die Innenstadt, sich wieder zu beleben. Dem Beispiel von Baltz folgen andere. Es zeigt sich, daß das deutsche Volk beschlossen hat, weiter zu leben und weiter zu arbeiten. Und so baut auch die Firma Baltz weiter. Jetzt sind das 4. und das S. Stockwerk an der Reihe. Und diese Räume werden schon wieder für eigene Zwecke benötigt, als Lagerräume, für die Näherei und für die Schneiderei. Das Erdgeschoß und die Kellerräume müssen allerdings noch warten.

Im Juni des Jahres 1948 kommt dann wirklich die vielberedete Währungsreform und gibt wieder eine Grundlage für nutzbringende Arbeit. Und damit ist auch der Zeitpunkt näher gerückt, zu dem sich der Neubau des Textil-Kaufhauses M. Baltz vollendet. Am 30. Oktober erscheint in den Tageszeitungen von Bochum die schlichte Ankündigung:

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Die Bochumer aber reagieren auf diese Ankündigung auf ihre Weise. Am 3. November sind schon lange vor der Eröffnung die Straßen am Kaufhaus schwarz von Menschen. Unmöglich können alle, die gekommen sind, sogleich Einlaß finden, obgleich nun wieder weite und wohlaufgegliederte Räume für die zahlreichen Abteilungen des Hauses zur Verfügung stehen. Zehntausende kommen im Laufe dieses Tages, um die Eröffnung des altangesehenen Unternehmens mitzuerleben1 das sich nun dem Auge in geschlossener Wirkung darbietet. Das neue Gebäude erhält den Namen "Richard-Baltz-Haus" zur Erinnerung an den Mann, der der Firma M. Baltz ihr weithin wirkendes Ansehen gab.

"Auf altem Grunde…"

Seit dem Tage der Eröffnung sind nun wieder drei Jahre ins Land gegangen. Vieles hat sich seitdem zum Besseren gewandelt.

Die Reste der Kriegswirtschaft sind verschwunden, und wenn auch längst nicht alle Wunden geheilt werden konnten, so ist doch wieder Raum geschaffen für den "ehrbaren Kaufmann", dem es um die Sache, um den Dienst am Kunden geht. Längst benötigt die Firma M. Baltz wieder sämtliche Räume für ihre vielfältigen Aufgaben. In den 10 Jahren seit dem Tode von Richard Baltz hat Frau Else Baltz alle Sorgen und Nöte des Unternehmens zu ihren eigenen gemacht. Sie stützt sich in ihrer erfolgreichen Arbeit auf das "Triumvirat" des Hauses, den alten Mitarbeiterstab, der noch von Richard Baltz gebildet wurde. Die Gesamtleitung ist dem ersten Geschäftsführer Theodor Mühlenhöver anvertraut. Er kann mit dem besten Recht sagen, daß dieses neue Haus sein großes Werk ist. Ihm dankt die Firma M. Baltz den Wiederaufbau in erster Linie.

Zur Seite steht ihm Otto Schütz, der Leiter der Verwaltung und der Buchhaltung, dessen besonderer Stolz ist, daß er jeden Tag den Status des Hauses feststellen kann.

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Franz Niodusch
Als dritter gehört diesem engsten Kreis der Leitung Franz Niodusch an, seit mehr als 25 Jahren dem Hause verbunden, Leiter der Abteilungen für Herren- und Knabenkonfektion und der Stoffabteilung, ein in den Kreisen der Branche anerkannter Fachmann. Während diese Zeilen geschrieben werden, hat Franz Niodusch auf einer Geschäftsreise, allen unerwartet, ein schneller Tod ereilt. Er erlag in Berlin einem Herzschlag. Franz Niodusch war in einem 27jährigen Schaffen für die Firma so eng mit dem Unternehmen verbunden, war so dem tätigen Leben zugetan, daß er ihm vor allem anderen den Vorrang einräumte. Für die Inhaberin des Unternehmens, wie für die, die mit ihm aufs engste zusammenarbeiteten, bedeutet sein früher Tod einen unersetzlichen Verlust.

Franz Niodusch war ihnen ein treuer Freund und ein kluger, erfahrener Berater, dessen ruhiges, besonnenes Urteil immer seinen Platz fand. Sein klarer Charakter, sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und seine Herzensgüte sichern ihm für immer einen Platz im Herzen derer, die ihm nahe standen. Wenn heute das Textil-Kaufhaus M. Baltz wieder 450 Angestellte beschäftigen kann, so ist diese Tatsache das Ergebnis einer Wiederaufbauarbeit, die, frühzeitig unter schwersten Bedingungen begonnen, deshalb nicht erfolglos war, weil ein fester Glaube an die Zukunft sich hier verband mit der richtigen Einschätzung der Realitäten. Inhaberin und Geschäftsleitung fühlen sich mit allen Mitarbeitern als eine Einheit, ein Ganzes. Den Angestellten ein gesichertes Dasein zu ermöglichen und sie vor Not, soweit das möglich ist, zu bewahren, ist eine Hauptsorge der Firma. Dieser Fürsorge dient auch die wiedererstandene Unterstützungskasse des Hauses.

Für die Zukunft aber gilt das Wort von Richard Baltz: "Auf dem alten Grunde Neues bauen jede Stunde". Die 125jährige Tradition des Hauses wird als hohe Verpflichtung empfunden. Nie werden die Grundsätze vergessen, die das Haus groß gemacht haben. Nach wie vor steht im vordersten Blickfeld die Pflege des großen Kundenkreises, der sich keineswegs auf Bochum beschränkt. Nach wie vor wird auf alles laute, sich vordrängende Wesen verzichtet und die Qualität des Gebotenen als beste Werbung angesehen. Es ist der Ehrgeiz des Haus es, daß auch in Zukunft die Kunden nicht fehlen, die da aus innerster Überzeugung sagen:

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